Cannabinoide: die Übersicht, die den Rest erklärt
Die meisten Erklärungen zu Cannabinoiden sind Listen. Eine Liste erklärt aber nichts. Die Pflanze baut all diese Stoffe aus einer einzigen Vorstufe, in einer festen Reihenfolge — und sobald man diese Reihenfolge kennt, beantworten sich die praktischen Fragen fast von selbst.
Warum CBG ein Vielfaches kostet. Warum rohes Cannabis nicht berauscht. Warum altes Material mehr CBN enthält. Warum „raw” auf einem Etikett etwas anderes bedeutet als „decarboxyliert”. Alles dasselbe Diagramm.
Der Stammbaum
Die Pflanze stellt CBGA her. Drei Enzyme wandeln es in drei Säureformen um — THCA, CBDA, CBCA. Was kein Enzym erwischt, bleibt CBGA und wird beim Erhitzen zu CBG.
Dann kommt Wärme: Trocknen, Extrahieren, Backen, Rauchen. Sie spaltet eine Carboxylgruppe als CO₂ ab und macht aus den Säureformen die neutralen Formen: THC, CBD, CBC.
Und dann kommt Zeit: Sauerstoff, Licht und Wärme bauen THC weiter ab. Was übrig bleibt, ist CBN.
Was daraus folgt
Rohes Cannabis berauscht nicht. In der lebenden Pflanze steckt THCA, nicht THC — und THCA ist nicht psychoaktiv. Erst die Wärme macht daraus THC. Genau deshalb funktioniert Backen und Aufkochen, kalter Verzehr aber nicht.
CBG ist teuer, weil es der Rest ist. Es ist der Ausgangsstoff, und in einer reifen Pflanze wurde er fast vollständig aufgebraucht. Wer CBG will, muss früh ernten oder eigene Sorten anbauen — beides kostet Ertrag. Daher liegt der Preis je Milligramm typischerweise beim Drei- bis Fünffachen von CBD.
Alte Ware enthält mehr CBN. Weil CBN das Abbauprodukt von THC ist, ist sein Gehalt praktisch eine Uhr: er zeigt an, wie lange und wie schlecht etwas gelagert wurde.
„Raw” heißt: nicht decarboxyliert. Das Produkt enthält überwiegend CBDA, nicht CBD. Das ist keine Qualitätsfrage, sondern eine andere Zusammensetzung — und es macht die Zahl auf dem Etikett angreifbar, dazu gleich mehr.
Die Umrechnung, die Etiketten aufbläht
Beim Abspalten der Carboxylgruppe verliert das Molekül Masse. Aus dem Verhältnis der Molmassen ergibt sich ein fester Faktor:
1 mg CBDA ergibt etwa 0,877 mg CBD.
Aus 1.000 mg CBDA werden also rund 877 mg CBD, nicht 1.000 mg. Etwa 12 % entweichen als CO₂.
Analysezertifikate weisen deshalb drei Werte aus: CBD, CBDA und Gesamt-CBD, wobei der
letzte berechnet ist als CBD + (CBDA × 0,877).
Gesamt-CBD ist eine sinnvolle Größe — für Material, das noch erhitzt wird. Bei einem Raw-Produkt ist es die falsche Zahl: das CBDA darin ist noch CBDA und bleibt es auch. Wer Gesamt-CBD auf ein Raw-Produkt schreibt, wirbt mit einer Umwandlung, die nicht stattgefunden hat.
Praktische Folge für den Preisvergleich: vergleichen Sie nicht den Preis je Milligramm Gesamt-CBD eines Raw-Produkts mit dem Preis je Milligramm CBD eines decarboxylierten. Das eine ist eine Rechnung, das andere eine Messung.
Die wichtigsten Cannabinoide
| Herkunft | Berauschend | Typischer Gehalt | |
|---|---|---|---|
| CBGA | von der Pflanze gebildet | nein | Vorstufe, wird verbraucht |
| CBG | übrig gebliebenes CBGA | nein | meist unter 1 % |
| CBDA | von der Pflanze gebildet | nein | dominant in roher Ware |
| CBD | aus CBDA durch Wärme | nein | oft zweistellig |
| THCA | von der Pflanze gebildet | nein | dominant in roher Ware |
| THC | aus THCA durch Wärme | ja | in Nutzhanf unter dem Grenzwert |
| CBC | aus CBCA durch Wärme | nein | gering |
| CBN | Abbau von THC | sehr schwach, wenn überhaupt | steigt mit dem Alter |
Phyto-, Endo- und synthetische Cannabinoide
Der Begriff umfasst drei Gruppen, die leicht verwechselt werden.
Phytocannabinoide stammen aus der Pflanze — alles in der Tabelle oben.
Endocannabinoide bildet der Körper selbst, etwa Anandamid und 2-AG. Sie sind der Grund, warum es überhaupt Rezeptoren gibt, an die pflanzliche Cannabinoide binden können.
Synthetische und halbsynthetische Cannabinoide entstehen im Labor. HHC gehört hierher: es wird durch Hydrierung aus THC oder aus CBD hergestellt. Halbsynthetisch heißt, dass der Ausgangsstoff pflanzlich ist, das Endprodukt aber nicht in nennenswerter Menge in der Natur vorkommt. Rechtlich ist das eine eigene Baustelle, die sich von Land zu Land unterscheidet und sich schnell ändert.
Weiterlesen
- CBG — warum die Mutter aller Cannabinoide das teuerste von allen ist.
- CBN — das einzige, das die Pflanze nicht herstellt.
- CBD-Isolat — die fünf Schritte zu 99 % Reinheit.
Was hier nicht steht
Was diese Stoffe bewirken.
Zwei Gründe. Erstens: nach Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 ist für Cannabinoide keine einzige gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Zweitens ist die Forschungslage dünner, als der Ton der Branche vermuten lässt — die EFSA konnte die Sicherheit einer regelmäßigen oralen Aufnahme von Cannabidiol nicht feststellen, hat das 2025 bestätigt und nennt einen vorläufigen Referenzwert in der Größenordnung von 2 mg pro Tag. Für Menschen unter 25, Schwangere, Stillende und Personen, die Medikamente einnehmen, ließ sich die Sicherheit nicht bestimmen.
Wenn Sie Medikamente einnehmen, gehört dieses Gespräch zu Arzt oder Apotheker: Cannabidiol wird über Leberenzyme abgebaut, die auch zahlreiche Arzneimittel verstoffwechseln.
Häufige Fragen
Was sind Cannabinoide? Eine Stoffgruppe, die an das Endocannabinoid-System bindet. Aus der Pflanze stammen die Phytocannabinoide, der Körper bildet Endocannabinoide, im Labor entstehen synthetische.
Wie viele Cannabinoide gibt es? In der Pflanze wurden über hundert beschrieben, aber nur eine Handvoll kommt in nennenswerter Menge vor.
Welches Cannabinoid ist das erste? CBGA. Aus ihm baut die Pflanze alle anderen — deshalb heißt es Mutter aller Cannabinoide.
Warum berauscht rohes Cannabis nicht? Weil es THCA enthält und nicht THC. Erst Wärme spaltet die Carboxylgruppe ab und macht daraus THC.
Was bedeutet Decarboxylierung? Das Abspalten einer Carboxylgruppe als CO₂ durch Wärme. Dabei wird aus CBDA CBD und aus THCA THC.
Warum steht auf manchen Etiketten Gesamt-CBD? Weil es CBD plus umgerechnetes CBDA ist. Bei einem Raw-Produkt beschreibt diese Zahl eine Umwandlung, die noch nicht stattgefunden hat.
Ist HHC ein natürliches Cannabinoid? Nein. HHC wird halbsynthetisch hergestellt, meist durch Hydrierung, und kommt in der Pflanze nicht in nennenswerter Menge vor.